Tag-Archiv | Tod

Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß / Christoph Wortberg

SAM_3054_1Titel: Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß

Autor: Christoph Wortberg

Seitenzahl: 190

Woher ich es habe: Für eine autorenbegleitete Leserunde im Büchertreff von Beltz & Gelberg erhalten. Vielen Dank!

Handlung: 

Bisher wurde Lenny immer von seinem großen Bruder Jakob beschützt, doch dann, eines Tages, ist Jakob nicht mehr da. Ein tragischer Unfall, so heißt es. Aber Lenny will sich mit dieser Wahrheit nicht einfach so abfinden und forscht weiter. Dabei stößt er bei seinen Eltern, die in der eigenen Trauer völlig erstarrt sind, auf Unverständnis und Ablehnung. Trotzdem wagt der Junge sich daran, die letzten Geheimnisse im Leben seines Bruders zu lüften: Was machte Jakob so ganz allein in den Bergen? Und wer ist das mysteriöse Mädchen, das einfach so auf seiner Beerdigung auftaucht?

Eigene Meinung:

Äußerlich kommt der Roman recht einfach daher – der Titel prangt in einer Art Handschrift orangefarben vor einem blauen Hintergrund. Die Silhouette einer Bergkette ist zu sehen. Auch im Inneren ist alles eher schmucklos gehalten, die Kapitel sind einfach mit der jeweiligen Zahl überschrieben. Doch dafür wird mit dem Inhalt umso mehr gesagt. Gleich zu Beginn wird der Leser mitten in die Geschichte geworfen und begleitet die Familie zum geplanten Tod ihres ältesten Sohnes, der nach einem Unfall im Koma liegt. Schon diese erste Szene ist bezeichnend für den Rest der Handlung, denn ausgerechnet der kleine Bruder Lenny ist es, der die finale Anweisung geben muss, die lebenserhaltenden Instrumente abzuschalten. Denn beide Elternteile sind dazu nicht in der Lage.

Überhaupt erleben wir im Buch eine schwierige Familiensituation. Auf Jakob, dem Älteren und Liebling der Eltern, lastete sein Leben lang ein enormer Druck. Alles war für ihn bereits verplant, seine gesamte berufliche Zukunft und auch in der Liebe hatte die Mutter ein Wörtchen mitzureden. Jetzt, da Jakob fort ist, werden die beiden Erwachsenen völlig von ihrer Trauer zerfressen. Während die Mutter sich mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln betäubt, reagiert der Vater mit Wut und Aggression gegen den noch verbleibenden Sohn.

Doch Lenny zeigt, dass er aus einem anderen Holz geschnitzt ist, als sein Bruder. Denn neben einer Geschichte über Tod und Verlust ist „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ die Geschichte einer Emanzipation. Eine Geschichte über den Mut eines ewigen Zweiten, sich aus dem Schatten des Bruders zu kämpfen und für die Wahrheit einzustehen. Denn der will sich in der Familie sonst keiner stellen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dabei sprechen bald alle Anzeichen eine deutliche Sprache: Jakob hat sich das Leben genommen.

Was auf den ersten Blick wie eine knappe Kurzgeschichte daherkommt, entwickelt in kurzen klaren Sätzen eine unglaubliche Tiefe. Die Emotionen schlagen einem quasi aus den Seiten entgegen: enttäuschte Liebe, vereitelte Freiheit, geraubte Hoffnung – all das ist hier zu spüren. Die Handlung an sich gibt dabei jede Menge Stoff zum Nachdenken und Diskutieren her. War Jakob, wie sein Bruder ihn am Anfang nennt, ein Held, der sich aus einem goldenen Käfig befreit hat? Oder ist er einfach nur ein Teenager, der den Mut nicht aufbringen konnte, seinen fordernden und wenig liebevollen Eltern entgegenzutreten? Wir alle spielen im Leben eine Rolle, aber es ist an uns, wie wir sie anlegen wollen.

Fazit: ein kurzer Roman, der einen lange Zeit nicht mehr loslässt

5K

 

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Alice, wie Daniel sie sah / Sarah Butler

SAM_2372_1Titel: Alice, wie Daniel sie sah (Ten things I’ve learnt about love)

Autor: Sarah Butler

Seitenzahl: 315

Woher ich es habe: bei Vorablesen gewonnen

Handlung:

Daniel ist obdachlos. Tag für Tag zieht er durch die Straßen von London und sammelt dort alle möglichen Dinge vom Boden auf. Denn was für andere bloß Abfall ist, hat für Daniel eine ganz eigene Bedeutung. Sein Blick auf die Welt ist besonders, denn jeder Buchstabe hat für ihn eine ganz bestimmte Farbe. Und so sucht er nach eisblauen, goldenen, rosafarbenen, dunkelblauen und grauen Dingen, weil sie den Namen seiner Tochter bilden: Alice. Schon seit Jahren hat Daniel Alice nicht mehr gesehen, doch vor vielen, vielen Jahren hatte er eine kurze, aber unbeschwerte Zeit mit ihrer Mutter. Jeden Tag wartet er seitdem darauf, dass ihm Alices Name in einer Zeitung begegnet und ihm so vielleicht ihren Aufenthaltsort verrät. Inzwischen hat seine Tochter selbst mit anderen Dingen zu kämpfen.

Eigene Meinung:

Das Cover des Romans ist sehr stimmungsvoll und passt gut zum Inhalt der Geschichte. Vor der Silhouette Londons ist ein junges Mädchen zu sehen, das mit ausbereiteten Armen den Kopf in den Nacken wirft, um einem Schwarm Vögel nachzusehen. Das erinnert an eine der letzten Szenen im Roman und verdeutlicht gut, wie Alice im Buch beschrieben wird. Im Inneren des Buches fällt auf, dass jedem Kapitel eine Liste von 10 Dingen vorangeht. Diese Aufzählungen erklären nicht nur den englischen Titel, sondern sind auch ein besonders geschickter Kniff, um die Protagonisten zu charakterisieren oder bestimmte Handlungselemente zu erzählen, ohne sie tatsächlich in den Fließtext einbauen zu müssen. Diese Technik ist mir bisher noch nicht begegnet, ich finde sie aber einfach grandios. Denn gerade in diesen 10-Punkte-Listen erfahren wir sehr viel über Daniel und seine Tochter Alice, die abwechselnd die Geschichte in der Ich-Form erzählen.

Vater und Tochter sind sich, obwohl sie einander nicht kennen, unglaublich ähnlich. Beide sind von einem großen Freiheitsdrang geprägt. Daniel lebt aus diesen Gründen inzwischen auf der Straße, doch als er damals die Beziehung zu Alice Mutter hatte, war es eben diese Eigenschaft, die ihn für sie so attraktiv machte. Daniel war genau das Gegenteil des einengenden, immer in gleichen Bahnen verlaufenden Familienlebens, das sie bis dahin kannte. Doch am Ende entschied sie sich doch für die Sicherheit und Daniel blieb allein zurück. Auch Alice wirkt in ihrer Familie isoliert, weil sie anders ist, als ihre beiden Schwestern. Erst vor kurzem ist sie aus der Mongolei zurückgekehrt, wohin sie aus einer vertrackten Beziehung geflohen war. Die Weite, der Himmel, das einfache Nomadenleben – all das zog Alice magisch an, was niemand außer ihr nachvollziehen kann. Und jetzt steht sie vor ihrer schwierigsten Aufgabe: sich von dem todkranken Mann zu verabschieden, den sie ihr ganzes Leben als Vater gekannt hat.

Im Laufe der Handlung nähern sich Alice und Daniels Wege immer mehr an. Die ausweglos anmutende Suche des Obdachlosen hat eines Tages tatsächlich ein Ende, als der Zufall ihm Alice Adresse zuspielt. Doch soll er sich seiner Tochter tatsächlich offenbaren? Was hat er ihr schon zu bieten? Und immerhin hatte sie doch ihr ganzes Leben lang einen Vater, der gut zu ihr war – warum sollte sie ihn an ihrer Seite brauchen? Das sind Fragen, die sich Daniel zurecht stellt, seine Zweifel und Bedenken konnte ich gut nachvollziehen. Auf der anderen Seite hat es mich im Verlauf der Handlung sehr wütend gemacht, dass offensichtlich jeder außer Alice bescheid wusste, dass Cee und Tilly nur ihre Halbschwestern und ihr Vater gar nicht ihr richtiger Vater ist. Jeder Mensch hat doch ein Recht darauf, die Wahrheit zu finden – und vielleicht hätte Alice sich dann nicht so lange als Außenseiterin gefühlt.

Die Seiten fliegen beim Lesen nur so dahin und dennoch behält die Geschichte ihr ganz eigenes, sachtes Tempo. „Alice, wie Daniel sie sah“ ist einer der wenigen Romane für Erwachsene, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Und immer wieder fallen mir deutlich die Unterschiede auf. Vieles im Roman bleibt ungesagt und unabgeschlossen – eine Sache, die mich eigentlich gar nicht zufrieden stellt. Im Allgemeinen bin ich kein Fan offener Enden, aber im Falle dieses Romanes will ich da mal eine Ausnahme machen. Denn trotz der Offenheit ist es ein gutes Ende. Ein Ende, das zwar eine Menge Fragen offen lässt, aber dafür etwas ganz Wichtiges im Raum stehen lässt: die Hoffnung.

Fazit: ein Roman der leisen Töne, der dennoch (oder gerade deswegen?) zu überzeugen weiß

4K

Drowning. Tödliches Element / Rachel Ward

SAM_2110_1Titel: Drowning. Tödliches Element (The Drowning)

Autor: Rachel Ward

Seitenzahl: 329

Woher ich es habe: von Blogg dein Buch zur Rezension erhalten

Ich möchte mich herzlich beim Carlsen Verlag für die Übersendung des Buches bedanken. Bestellen könnt ihr es hier.

Nach ihrer erfolgreichen Numbers-Reihe ist „Drowning. Tödliches Element“ nun das neuste Jugendbuch aus der Feder der Britin Rachel Ward. „Numbers – Den Tod im Blick“, für das sie 2011 sogar mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, steht schon seit langem dringend auf meiner Wunschliste. Im Gegensatz zu der Vorgängerreihe ist „Drowning. Tödliches Element“ aber nun ein abgeschlossener Roman, der ganz für sich steht.

Handlung:

Als Carl zu sich kommt, ist er völlig entkräftet und durchnässt. Rettungskräfte kümmern sich um ihn. Doch wer ist der Junge, der leblos neben ihm aus dem Wasser gezogen wird? Und warum reagiert das Mädchen im Rettungswagen so verängstigt auf ihn? An all das kann sich der 15-Jährige nicht mehr erinnern. Nur nach und nach kehrt sein Gedächtnis zurück und die unfassbare Wahrheit kommt ans Licht: Carl und sein großer Bruder Rob waren mit dessen Freundin Neisha im See schwimmen, als ein großes Unwetter aufzog. Rob ertrank und seitdem scheint Neisha unglaubliche Angst vor Carl zu haben. Doch ist das wirklich die ganze Geschichte? Carl selbst ist zwischen Trauer und Erleichterung hin- und hergerissen, denn zumindest an eines erinnert er sich: Rob war nicht immer nur der liebe große Bruder für ihn.

Eigene Meinung:

Das Cover von „Drowning“ ist durchaus ansprechend gestaltet. Die Wellen passen gut zum Thema des Buches und auch die halb im Wasser versinkende Schrift des Titels ist gelungen. Unterstützt wird der Effekt von leicht erhöhten Buchstaben und einer sehr glatten und glänzenden Oberfläche, die tatsächlich an Wasser erinnert. Im Inneren hingegen kommt das Buch mit klaren, schnörkellosen Kapitelüberschriften und Seitenzahlen recht nüchtern daher. Generell ist dem Carlsen Verlag hier aber ein Gesamtbild gelungen, das junge Leser sehr wohl ansprechen dürfte; auch (oder vor allem) männliche.

Die Geschichte wird aus Carls Sicht und in der Ich-Perspektive erzählt. Der Leser bleibt so immer ganz nah bei seiner Hauptfigur, was die Handlung natürlich sehr spannend macht, denn man weiß immer nur genau so viel, wie Carl selbst. Der erinnert sich nur langsam an den schrecklichen Unfall und muss das Geschehene aus seinen Erinnerungen und mit Hilfe anderer mühsam zusammen puzzlen. Seine Mutter ist ihm dabei leider keine große Hilfe. Überhaupt wird im Verlauf der Geschichte schnell deutlich, dass wir es hier mit einer zerrütteten Familie zu tun haben: eine allein erziehende Mutter, die viel zu häufig dem Alkohol zuspricht, ein gewalttätiger großer Bruder und dazwischen Carl, der sich danach sehnt, geliebt zu werden. Er selbst ist schon seit längerem unglücklich in Neisha verliebt, die Freundin seines großen Bruders Rob.

Mit dem Tod seines Bruders weiß Carl nicht so recht umzugehen. Seine Erinnerungen sind bruchstückhaft, ja, er hält es sogar für möglich, seinen eigenen Bruder getötet zu haben. Denn warum sollte Neisha sonst so viel Angst vor ihm haben? Es gibt niemanden, mit dem Carl diese Gedanken und Ängste teilen kann, niemanden, der für ihn da ist. Und so entwickelt er Wahnvorstellungen. Immer, wenn er nass ist, sieht er seinen Bruder Rob vor sich, der ihm Dinge zuruft. Am liebsten würde er sich nicht einmal mehr die Hände waschen, geschweige denn baden, doch irgendwann muss Carl sich all dem stellen. Und auch zu seiner Mutter und Neisha knüpft er vorsichtig neue Bande.

Die Grundidee der Geschichte hat mir gut gefallen und am Anfang ist sie auch noch recht spannend. Doch dann beginnen sich die immer gleichen Szenen zu wiederholen: Carl wird aus irgendeinem Grund nass, sieht dann überall seinen toten Bruder und rastet völlig aus. Er pendelt wild zwischen Schuldgefühlen gegenüber seiner Mutter und Rob und seiner Zuneigung zu Neisha hin und her. Immer häufiger wiederholt er die selben Fragen: Habe ich meinen Bruder getötet? Oder bin ich zumindest für seinen Tod verantwortlich? Darf ich Gefühle für die Freundin meines Bruders haben? Das ermüdet nach kurzer Zeit schon ungemein, weil einfach nichts Neues mehr passiert. Der Schluss war, in meinen Augen, dann völlig absurd und brachte keinerlei spannende Erkenntnisse. Dafür, dass die gesamte Zeit über eine gewisse Spannung aufgebaut wurde, verlief alles doch sehr unspektakulär im Sande. Zum Glück liegt hier keine Reihe vor – mehr muss man hiervon wirklich nicht lesen!

Fazit: eine spannende Grundidee, leider schlecht umgesetzt

2K

Vier Beutel Asche / Boris Koch

Titel: Vier Beutel Asche

Autor: Boris Koch

Seitenzahl: 380

Woher ich es habe: Innerhalb der NotizBuch-Aktion von der lieben Hannah erhalten – danke nochmal! 🙂

Für die „Contemporary Young Adult-Challenge“ fehlte mir noch ein Buch für meine Leseliste und da kam mir die NotizBuch-Aktion von Hannah gerade recht. „Vier Beutel Asche“ ist nun schon mein drittes NotizBuch und jedes Mal hatte ich viel Spaß daran. Es ist unglaublich interessant zu lesen, welche Gedanken sich die anderen zu einer bestimmten Person oder Situation gemacht haben. Manchmal sind da alle einer Meinung, manchmal entwickelt sich aber auch eine richtige kleine Diskussion im Buch – wirklich toll! Den Autor Boris Koch kannte ich übrigens vor der Aktion noch nicht, aber ich werde ab jetzt seine Veröffentlichungen im Auge behalten und  mir auch mal seine vorherigen Veröffentlichungen ansehen.

Handlung:

Seit Jan seinen besten Freund Christoph bei einem Unfall verloren hat, ist er voller Wut. Auf den Fahrer des Unfallautos, auf Christophs Eltern, auf die Welt im Allgemeinen und auf sich selbst. An Christophs Geburtstag beschließt er, die Party zu dessen Ehren früh zu verlassen und stattdessen dem Grab seines besten Freundes einen Besuch abzustatten. Dort trifft er tatsächlich, mitten in der Nacht, noch 3 weitere Menschen aus Christophs Leben: seine Freundin Selina, seinen Kumpel Maik und die geheimnisvolle Lena, von der niemand weiß, in welcher Beziehung sie eigentlich zu Christoph stand. Gemeinsam beschließen die 4 Jugendlichen, sich mit 2 Motorrollern auf den Weg nach Frankreich zu machen, an die Küste. Denn Christoph wollte seine Asche über dem Meer ausgestreut und nicht auf dem düsteren Dorffriedhof begraben wissen.

Eigene Meinung:

Das Cover des Romans passt hier extrem gut zum Inhalt. Es zeigt die verschwommene Silhouette eines jungen Mannes, der sich in voller Bewegung zu befinden scheint. Hier könnte es sich um Christoph auf seinem Fahrrad handeln oder auch um Jan auf einer der beiden Motorroller. Diese Bewegung und auch die Farben suggerieren auf der einen Seite eine gewisse Lebendigkeit, auf der anderen Seite strahlt das Cover auch etwas Unruhiges aus. Die Geschichte wird aus Jans Perspektive in der Ich-Form erzählt, so dass man als Leser ganz dicht an dem Protagonisten klebt. Man weiß selbst also immer nur so viel, wie Jan in der Geschichte bereits erfahren hat. Mit ihm als Protagonisten hatte ich zunächst auch meine Schwierigkeiten. Jan ist am Anfang so voller Wut und Aggression, dass niemand wirklich einen Zugang zu ihm findet. Am liebsten würde er sich an dem Verursacher des Unfalls rächen, denn der trägt – das findet zumindest Jan – die alleinige Schuld an dem Unfall. Doch letztendlich kann er hierzu nie den Mut finden und reagiert seinen Zorn daher in kindischen kleinen Drohbriefchen ab. Generell ist er ein sehr unnahbarer, unsympathischer Charakter, mit dem man sich als Leser nur schwer identifizieren kann.

Auch die Reise der 4 Jugendlichen nach Frankreich erweist sich als schwierig. Anstatt Christophs letzten Wunsch in Frieden zu erfüllen, gibt es ständig Streit. Vor allem Christophs Freundin Selina lässt ihren Unmut an den anderen aus und zeigt sich vor allem von Lenas Anwesenheit verunsichert und provoziert. Hatte Christoph etwa eine Affäre? Doch auch Jan ist enttäuscht, weil sein bester Freund ihm nie erzählt hat, dass er näher mit Lena zu tun hatte. Allein der übermütige Maik ist immer zu Mutproben und Dummheiten aufgelegt und raubt den anderen 3 den letzten Nerv. Zu allem Überfluss werden die 4 in Frankreich schließlich noch ausgeraubt und die Küste scheint in unendliche Ferne gerückt.

Das Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Auf der einen Seite ist das Thema ein sehr trauriges und man hätte aus der Grundidee der Handlung wirklich einiges machen können. Doch anstatt einer sensibel erzählten Geschichte zum Thema Trauer erwarten den Leser zunächst nur Jans Hasstiraden und kindische Streitereien darüber, wer nun Christophs Asche transportieren und wer überhaupt das Recht hat, an dieser irrsinnigen Fahrt nach Frankreich teilzunehmen. Auch die Reise selbst hätte ich mir ein wenig ausführlicher beschrieben gewünscht bzw. wäre es angenehmer gewesen, anstatt von den 4 Streithähnen mehr von der Landschaft zu lesen, durch die sie fahren. Denn eigentlich bin ein großer Fan von Roadtrips, aber hier hat mir einfach das nötige Flair gefehlt.

An Tiefe gewinnt der Roman erst, als die 4 sich am Lagerfeuer nach und nach erzählen, wie sie Christoph kennengelernt haben. Es wird viel geweint, aber auch gelacht und endlich, so scheint es, ist der Schmerz für jeden von ihnen etwas einfacher zu tragen. Danach hat man als Leser nicht nur einen besseren Bezug zu den 4 Jugendlichen, sondern auch der verstorbene Christoph nimmt Profil an. Erst jetzt konnte ich richtig nachvollziehen, was ihn als Freund ausgemacht hat und warum die anderen so um ihn trauern. Und auch Jan kann etwas von seiner Wut ablegen und sich wieder dem Leben zuwenden. Auf einmal tritt hinter der harten Schale ein sensibler, freundlicher Kern zu Tage, der mich mit dem unsympathischen Hauptcharakter aussöhnt. Das Ende ist hoffnungsvoll und verdeutlicht die Botschaft des Buches: Egal wie groß die Trauer auch ist, es lohnt sich immer weiterzuleben!

Fazit: nach anfänglichen Schwierigkeiten ein durchaus berührendes Buch über die Hilflosigkeit der Hinterbliebenen und darüber, wie man mit so einem schrecklichen Verlust weiterleben kann

3K

Noir / Jenny-Mai Nuyen

Titel: Noir

Autor: Jenny-Mai Nuyen

Seitenzahl: 377

Woher ich es habe: auf Vorablesen.de gewonnen

„Noir“ ist der neuste Roman aus der Feder von Jenny-Mai Nuyen; Erscheinungstag ist eigentlich der 1. Oktober, aber dank Vorablesen durfte ich das Buch schon ein wenig früher in den Händen halten. Von der Autorin hatte ich bisher nur „Nocturna“ und „Nijura“ gelesen und obwohl ich beide Romane schon sehr mochte, hat „Noir“ mich doch extrem überrascht. Übrigens bin ich auch jedes Mal extrem neidisch, wenn ich Jenny-Mai Nuyens Geburtsjahr auf ihren Büchern lese – immerhin ist sie gute 7 Jahre jünger als ich. Bei der Veröffentlichung ihres ersten Romans war sie gerade einmal 18.

Handlung:

Im Alter von fünf Jahren sterben Nino Sorokins Eltern bei einem Autounfall. Er selbst hatte sich ebenfalls schon auf den Weg ins Jenseits gemacht, wurde aber ins Leben zurückgeholt. Fortan wächst Nino bei seiner Schwester Katjuscha auf. Doch schon bald wird allzu deutlich, dass er nicht wie andere Kinder ist, denn Nino hat eine Begabung: er kann sehen, wann andere Menschen sterben werden. Und weil er auch bei sich selbst das Alter wahrnehmen kann, in dem er aus dem Leben scheiden wird, beschließt Nino im Alter von 19 Jahren, diese Wahrnehmung zu testen. Nach seinem versuchten Suizid hat er nun die Gewissheit, wird aber im Gegenzug von Katjuscha stets kritisch beäugt und muss Medikamente gegen Depressionen schlucken. Doch eine Tages begegnet Nino Noir, einem Mädchen, das außer ihm niemand zu sehen scheint, denn Noir bewegt sich wie ein Geist zwischen dem Jenseits und dem Diesseits.

Eigene Meinung:

Bereits das Cover von „Noir“ hebt sich deutlich von den bisherigen Romanen der Autorin ab. Der vordere Titel ist in einem zarten weiß-türkis gehalten und zeigt zersplittertes Glas, das wohl an den Autounfall der Sorokins erinnern soll. Streicht man mit der Hand über den vorderen Einband, so erkennt man, dass die Sprünge im Glas als Furchen in das Cover eingeprägt sind. Auch der hintere Einband zeigt dieselben Sprünge, jedoch ohne die Einprägungen und dafür in düsteren Grautönen. Allein durch die äußere Gestaltung wird hier also klar, dass wir etwas völlig Neues von Jenny-Mai Nuyen zu lesen bekommen werden. Eine Geschichte, die düsterer ist, als alles, was sie bisher geschrieben hat. Eine Geschichte, die nicht mehr vorrangig Jugendliche ansprechen soll.

Nino ist ein Charakter, mit dem man als Leser sofort Mitleid hat. Er ist ohne seine Eltern, aber mit einer großen Bürde aufgewachsen. Über seine unheimliche Gabe kann er mit niemandem sprechen. Seine Schwester will er nicht belasten und wer sonst würde ihm wohl glauben? Und so muss Nino allein mit dem Wissen zurechtkommen, dass er im Alter von 24 Jahren sterben wird und keine Affäre, keine Droge, keine Medikamente ihn davor bewahren können. All das verändert sich jedoch von einem Tag auf den anderen, als Nino zum ersten Mal Noir sieht. Noir, das geheimnisvolle Mädchen, das um ihn herum keiner sehen kann. Über Noir lernt er Monsieur Samedi kennen, der ihm Erstaunliches offenbart: er ist ein Mentor und in der Lage, Nino eine neue Seele und damit ein neues Leben zu geben. Doch dafür müsste er all seine Liebe aufgeben; die Liebe zu seiner Schwester Katjuscha und die seltsame, neu aufkeimende Liebe zu der geheimnisvollen Noir, einer Seelenlosen, die schon an der Schwelle zum Jenseits steht.

„Noir“ ist ein düsterer, sehr erwachsener Roman und auch die Sprache der Autorin ist deutlich gereift, seit sie Bestseller wie „Nijura“ oder „Nocturna“ verfasste. Die Welt von Nino und Noir ist eine dunkle Welt, voller Einsamkeit und Verzweiflung. Gemeinsam treiben die beiden hilflos durch den Strudel der Handlung und klammern sich dabei aneinander wie Ertrinkende. Kapitel, in denen das bereits Vergangene aus Ninos Perspektive nacherzählt wird und Kapitel aus dem „Jetzt“ wechseln sich dabei ab, bis sich am Ende beide Zeitstränge wieder vereinen. So erfährt man zwar bruchstückhaft, was geschehen wird, kann sich aber erst am Schluss einen Reim darauf machen. Ein stilistischer Kniff, der Jenny-Mai Nuyen wirklich gut gelungen ist.

Das Ende des Romans ist abgeschlossen und offen zugleich. So erhält der Leser zwar die Antwort auf die Frage nach Noirs Herkunft, gleichzeitig werden aber zahlreiche neue Fragen aufgeworfen und ein gewisser Unwille darüber bleibt zurück. Vieles bleibt unausgesprochen oder unerklärt. Ob das daran liegt, dass die Autorin die Geschichte fortsetzen möchte oder ob sie sie absichtlich an dieser Stelle und auf diese Weise enden lassen wollte, konnte ich bisher noch nicht herausfinden. Persönlich würde ich mir aber wünschen, hier noch weiterlesen und mehr über die Mentorenschaft erfahren zu können.

Fazit: Eine ungewohnt düstere Jenny-Mai Nuyen, die nicht länger nur für Jugendliche schreibt