Tag-Archiv | Tablettensucht

Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß / Christoph Wortberg

SAM_3054_1Titel: Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß

Autor: Christoph Wortberg

Seitenzahl: 190

Woher ich es habe: Für eine autorenbegleitete Leserunde im Büchertreff von Beltz & Gelberg erhalten. Vielen Dank!

Handlung: 

Bisher wurde Lenny immer von seinem großen Bruder Jakob beschützt, doch dann, eines Tages, ist Jakob nicht mehr da. Ein tragischer Unfall, so heißt es. Aber Lenny will sich mit dieser Wahrheit nicht einfach so abfinden und forscht weiter. Dabei stößt er bei seinen Eltern, die in der eigenen Trauer völlig erstarrt sind, auf Unverständnis und Ablehnung. Trotzdem wagt der Junge sich daran, die letzten Geheimnisse im Leben seines Bruders zu lüften: Was machte Jakob so ganz allein in den Bergen? Und wer ist das mysteriöse Mädchen, das einfach so auf seiner Beerdigung auftaucht?

Eigene Meinung:

Äußerlich kommt der Roman recht einfach daher – der Titel prangt in einer Art Handschrift orangefarben vor einem blauen Hintergrund. Die Silhouette einer Bergkette ist zu sehen. Auch im Inneren ist alles eher schmucklos gehalten, die Kapitel sind einfach mit der jeweiligen Zahl überschrieben. Doch dafür wird mit dem Inhalt umso mehr gesagt. Gleich zu Beginn wird der Leser mitten in die Geschichte geworfen und begleitet die Familie zum geplanten Tod ihres ältesten Sohnes, der nach einem Unfall im Koma liegt. Schon diese erste Szene ist bezeichnend für den Rest der Handlung, denn ausgerechnet der kleine Bruder Lenny ist es, der die finale Anweisung geben muss, die lebenserhaltenden Instrumente abzuschalten. Denn beide Elternteile sind dazu nicht in der Lage.

Überhaupt erleben wir im Buch eine schwierige Familiensituation. Auf Jakob, dem Älteren und Liebling der Eltern, lastete sein Leben lang ein enormer Druck. Alles war für ihn bereits verplant, seine gesamte berufliche Zukunft und auch in der Liebe hatte die Mutter ein Wörtchen mitzureden. Jetzt, da Jakob fort ist, werden die beiden Erwachsenen völlig von ihrer Trauer zerfressen. Während die Mutter sich mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln betäubt, reagiert der Vater mit Wut und Aggression gegen den noch verbleibenden Sohn.

Doch Lenny zeigt, dass er aus einem anderen Holz geschnitzt ist, als sein Bruder. Denn neben einer Geschichte über Tod und Verlust ist „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ die Geschichte einer Emanzipation. Eine Geschichte über den Mut eines ewigen Zweiten, sich aus dem Schatten des Bruders zu kämpfen und für die Wahrheit einzustehen. Denn der will sich in der Familie sonst keiner stellen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dabei sprechen bald alle Anzeichen eine deutliche Sprache: Jakob hat sich das Leben genommen.

Was auf den ersten Blick wie eine knappe Kurzgeschichte daherkommt, entwickelt in kurzen klaren Sätzen eine unglaubliche Tiefe. Die Emotionen schlagen einem quasi aus den Seiten entgegen: enttäuschte Liebe, vereitelte Freiheit, geraubte Hoffnung – all das ist hier zu spüren. Die Handlung an sich gibt dabei jede Menge Stoff zum Nachdenken und Diskutieren her. War Jakob, wie sein Bruder ihn am Anfang nennt, ein Held, der sich aus einem goldenen Käfig befreit hat? Oder ist er einfach nur ein Teenager, der den Mut nicht aufbringen konnte, seinen fordernden und wenig liebevollen Eltern entgegenzutreten? Wir alle spielen im Leben eine Rolle, aber es ist an uns, wie wir sie anlegen wollen.

Fazit: ein kurzer Roman, der einen lange Zeit nicht mehr loslässt

5K