Tag-Archiv | Roman

Alice, wie Daniel sie sah / Sarah Butler

SAM_2372_1Titel: Alice, wie Daniel sie sah (Ten things I’ve learnt about love)

Autor: Sarah Butler

Seitenzahl: 315

Woher ich es habe: bei Vorablesen gewonnen

Handlung:

Daniel ist obdachlos. Tag für Tag zieht er durch die Straßen von London und sammelt dort alle möglichen Dinge vom Boden auf. Denn was für andere bloß Abfall ist, hat für Daniel eine ganz eigene Bedeutung. Sein Blick auf die Welt ist besonders, denn jeder Buchstabe hat für ihn eine ganz bestimmte Farbe. Und so sucht er nach eisblauen, goldenen, rosafarbenen, dunkelblauen und grauen Dingen, weil sie den Namen seiner Tochter bilden: Alice. Schon seit Jahren hat Daniel Alice nicht mehr gesehen, doch vor vielen, vielen Jahren hatte er eine kurze, aber unbeschwerte Zeit mit ihrer Mutter. Jeden Tag wartet er seitdem darauf, dass ihm Alices Name in einer Zeitung begegnet und ihm so vielleicht ihren Aufenthaltsort verrät. Inzwischen hat seine Tochter selbst mit anderen Dingen zu kämpfen.

Eigene Meinung:

Das Cover des Romans ist sehr stimmungsvoll und passt gut zum Inhalt der Geschichte. Vor der Silhouette Londons ist ein junges Mädchen zu sehen, das mit ausbereiteten Armen den Kopf in den Nacken wirft, um einem Schwarm Vögel nachzusehen. Das erinnert an eine der letzten Szenen im Roman und verdeutlicht gut, wie Alice im Buch beschrieben wird. Im Inneren des Buches fällt auf, dass jedem Kapitel eine Liste von 10 Dingen vorangeht. Diese Aufzählungen erklären nicht nur den englischen Titel, sondern sind auch ein besonders geschickter Kniff, um die Protagonisten zu charakterisieren oder bestimmte Handlungselemente zu erzählen, ohne sie tatsächlich in den Fließtext einbauen zu müssen. Diese Technik ist mir bisher noch nicht begegnet, ich finde sie aber einfach grandios. Denn gerade in diesen 10-Punkte-Listen erfahren wir sehr viel über Daniel und seine Tochter Alice, die abwechselnd die Geschichte in der Ich-Form erzählen.

Vater und Tochter sind sich, obwohl sie einander nicht kennen, unglaublich ähnlich. Beide sind von einem großen Freiheitsdrang geprägt. Daniel lebt aus diesen Gründen inzwischen auf der Straße, doch als er damals die Beziehung zu Alice Mutter hatte, war es eben diese Eigenschaft, die ihn für sie so attraktiv machte. Daniel war genau das Gegenteil des einengenden, immer in gleichen Bahnen verlaufenden Familienlebens, das sie bis dahin kannte. Doch am Ende entschied sie sich doch für die Sicherheit und Daniel blieb allein zurück. Auch Alice wirkt in ihrer Familie isoliert, weil sie anders ist, als ihre beiden Schwestern. Erst vor kurzem ist sie aus der Mongolei zurückgekehrt, wohin sie aus einer vertrackten Beziehung geflohen war. Die Weite, der Himmel, das einfache Nomadenleben – all das zog Alice magisch an, was niemand außer ihr nachvollziehen kann. Und jetzt steht sie vor ihrer schwierigsten Aufgabe: sich von dem todkranken Mann zu verabschieden, den sie ihr ganzes Leben als Vater gekannt hat.

Im Laufe der Handlung nähern sich Alice und Daniels Wege immer mehr an. Die ausweglos anmutende Suche des Obdachlosen hat eines Tages tatsächlich ein Ende, als der Zufall ihm Alice Adresse zuspielt. Doch soll er sich seiner Tochter tatsächlich offenbaren? Was hat er ihr schon zu bieten? Und immerhin hatte sie doch ihr ganzes Leben lang einen Vater, der gut zu ihr war – warum sollte sie ihn an ihrer Seite brauchen? Das sind Fragen, die sich Daniel zurecht stellt, seine Zweifel und Bedenken konnte ich gut nachvollziehen. Auf der anderen Seite hat es mich im Verlauf der Handlung sehr wütend gemacht, dass offensichtlich jeder außer Alice bescheid wusste, dass Cee und Tilly nur ihre Halbschwestern und ihr Vater gar nicht ihr richtiger Vater ist. Jeder Mensch hat doch ein Recht darauf, die Wahrheit zu finden – und vielleicht hätte Alice sich dann nicht so lange als Außenseiterin gefühlt.

Die Seiten fliegen beim Lesen nur so dahin und dennoch behält die Geschichte ihr ganz eigenes, sachtes Tempo. „Alice, wie Daniel sie sah“ ist einer der wenigen Romane für Erwachsene, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Und immer wieder fallen mir deutlich die Unterschiede auf. Vieles im Roman bleibt ungesagt und unabgeschlossen – eine Sache, die mich eigentlich gar nicht zufrieden stellt. Im Allgemeinen bin ich kein Fan offener Enden, aber im Falle dieses Romanes will ich da mal eine Ausnahme machen. Denn trotz der Offenheit ist es ein gutes Ende. Ein Ende, das zwar eine Menge Fragen offen lässt, aber dafür etwas ganz Wichtiges im Raum stehen lässt: die Hoffnung.

Fazit: ein Roman der leisen Töne, der dennoch (oder gerade deswegen?) zu überzeugen weiß

4K

Advertisements

Das Wunder von Treviso / Susanne Falk

Titel: Das Wunder von Treviso

Autor: Susanne Falk

Seitenzahl: 253

Woher ich es habe: Bei Vorablesen gewonnen

„Das Wunder von Treviso“ ist der Debütroman der deutschen Autorin Susanne Falk.

Handlung:

Das kleine norditalienische Dörfchen Treviso versinkt immer mehr in der Bedeutungslosigkeit. Während der Nachbarort Castello della Libertà sich immerhin damit brüsten kann, dass Mussolini einst persönlich dort Halt machte, um ein Glas Milch zu trinken, ziehen immer mehr junge Menschen aus Treviso weg. Zurück bleiben gelangweilte Senioren, geschlossene Läden und ein frustrierter Dorfgeistlicher namens Don Antonio. Der beschließt eines Tages, dass Treviso seine ganz eigene Attraktion braucht und lässt kurzerhand von Salvatore, dem ortseigenen Kunstschnitzer eine Madonnenfigur so präparieren, dass sie rote Tränen weint. Schon bald kann sich Treviso nicht mehr vor Touristen retten und alles könnte wunderbar sein, wenn sich nicht Besuch aus dem Vatikan angesagt hätte, der dem Wunder auf den Grund gehen will.

Meine Meinung:

Der Roman beginnt mit einem Prolog, in dem wir den Protagonisten Don Antonio und seine Schwester Maria als Kinder bei einem Opernbesuch mit ihrer Nonna Cristina kennenlernen. Dieser Prolog ist äußerst vorausdeutend, denn während der kleine Antonio sich von der Schönheit des Opernhauses unbeeindruckt zeigt – in der Kirche sei es ja schließlich viel schöner – verliebt sich die kleine Maria unsterblich in den „Barbier von Sevilla“. 55 Jahre später ist Don Antonio tatsächlich Geistlicher der Gemeinde Treviso. Seine Tage verbringt er fluchend und jammernd, trinkt gerne und zu viel Rotwein und führt täglich Gespräche mit dem Geist seine Vorgängers Don Ignazio. Diese Gleichförmigkeit seiner Tage wird erheblich gestört, als seine Schwester Maria bei ihm einzieht, die ihm – so findet er – von nun an das Leben zur Hölle macht. Diese hingegen hat allerdings nur Augen für Luigi, den Friseur des Örtchens und so entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen, die Atmosphäre in dem kleinen Örtchen Treviso einzufangen. Hier kennt jeder jeden, man streitet und verträgt sich wieder und hält im Grunde aber ganz fest zusammen; natürlich am liebsten gegen die verhassten Bewohner aus dem Nachbarort, denen der neu erlangte Ruhm von Treviso und seiner weinenden Madonna gar nicht zusagt. Vor allem die Charaktere sind es, die den Roman so lesenswert machen. Don Antonio muss man mit seiner rauhbeinigen, etwas derben, aber dennoch liebenswerten Art einfach gern haben. Seine Dialoge mit dem Geist Don Ignazios sind herrlich, wenn auch wenig gottesfürchtig. Luigi und Maria hingegen sind  Figuren mit einer tragischen Vorgeschichte: Luigi hat erst vor 3 Jahren seine geliebte Frau Chiara zu Grabe getragen, Maria verlor ihren Mann und ihren Sohn. Umso schöner ist es mitanzusehen, wie sie sich ineinander verlieben und im Trubel um die weinende Madonna nur Augen füreinander haben. Und wenn Luigi schließlich mit seiner Maria auf den Friedhof geht, um sie Chiara vorzustellen, ist man als Leser recht gerührt.

Die eigentliche Haupthandlung um die weinende Madonna ist hingegen eher unspektakulär. So richtig in Fahrt gerät sie erst, als sich Besuch aus dem Vatikan ansagt. Dieser verläuft dann, aus (zugegebenermaßen recht klischeehaften) Gründen, die ich hier nicht verraten möchte, doch um einiges unkomplizierter, als befürchtet. Daher muss sofort ein neues Problem in Gestalt einer Intrige auftauchen. Dabei ist es doch viel interessanter, was  der Trubel um die weinende Madonna mit den Menschen in Treviso anstellt, die sich plötzlich nach ihrem langweiligen, gemütlichen Alltag zurücksehnen. Nach einem Treviso, das nicht von Pilgern aller Nationalitäten heimgesucht wird und in dessen Supermarkt es keine bunten Plastikmadonnen in verschiedenen Farben zu kaufen gibt. Susanne Falk löst die Handlung schließlich ganz simpel auf und doch könnte ich mir für den Roman keinen besseren Schluss wünschen.

Fazit:

Ein netter, kurzweiliger Roman, in dem vor allem Italienfans auf ihre Kosten kommen dürften.