Gastrezension: Du / Zoran Drvenkar

So, hier ist sie nun: die versprochene 2. Gastrezension von Martina von Buchstabenträume. Ich freue mich sehr, dass sie ein Buch ausgewählt hat, das so gar nicht in mein Beuteschema fällt. Denn so kann ich euch  – wie auch schon bei H.P. Lovecraft – Bücher vorstellen, die ich selbst nicht unbedingt lesen würde. Viel Spaß mit Martinas Rezension!

Titel: Du

Autor: Zoran Drvenkar

Seitenzahl: 576

Von Zoran Drvenkar hatte ich bereits „Du bist zu schnell“ gelesen, bevor sein neuestes Werk „DU“ erschienen ist. Da ich seinen Stil und seine Art, Bücher und Geschichten zu erfinden, sehr interessant finde, stand für mich fest, dass ich auch an „DU“ nicht vorbei komme. Wie mir das Buch letztlich gefallen hat, lest ihr in der folgenden Rezension.

Klappentext:

DU KANNST DIR NICHT TRAUEN

Nimm einen Mann, der durch ganz Deutschland reist und keine Gnade kennt. Wo er hinkommt, bleibt niemand am Leben. Nenn ihn Der Reisende, mach ihn zum Mythos und fürchte ihn.

Nimm fünf Freundinnen, die erst dem Chaos die Tür öffnen und dann die Flucht ergreifen. Nenn sie Die süßen Schlampen und meide sie.

Nimm einen Vater, der verfolgt wird von seiner Vergangenheit und über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen. Und jetzt stell dir vor, er will die fünf Freundinnen aufhalten. Um jeden Preis. Nenn ihn Der Logist und meide auch ihn.

Sie alle bewegen sich aufeinander zu, sie sind voller Rache und haben keine Ahnung, dass DU sie beobachtest.

Über den Autor:

Zoran Drvenkar wurde 1967 in Kroatien geboren und zog im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Berlin. Seit 1989 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt jetzt in einer alten Kornmühle in der Nähe von Berlin. Er ist der Autor vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbücher, unter anderem schrieb er unter Pseudonym den Bestseller „Die Kurzhosengang“. Zwei seiner Thriller, „Du bist zu schnell“ und „Sorry“, werden derzeit verfilmt.

Mehr Infos unter: www.drvenkar.de

Allgemeines zum Buch und dessen Aufbau:

Zunächst etwas zum Cover des Buches und dessen farblicher Gestaltung: Wenn man das Buch im Buchladen sieht, wird man wohl magisch vom Cover angezogen, denn von diesem geht eine mystische Atmosphäre aus. Ein Mann mit geschlossenen Augen strahlt irgendwie doch so viel aus, dass man wohl gar nicht anders kann, als das Buch in die Hand zu nehmen. Die bestimmenden Farben sind Schwarz, Weiß und Rot und dies ist auch der Fall, wenn man den Schutzumschlag entfernt. Das Buch selbst ist Schwarz, der Autorenname und das Symbol des Ullstein Verlags sind in Rot abgedruckt, während der Titel des Buches, der aus zwei simplen Buchstaben besteht, in weißer Schrift abgebildet ist. Das Lesebändchen ist ebenfalls rot, genauso wie das Vorsatzpapier. Ich äußere mich deshalb so ausführlich zur farblichen Gestaltung des Buches, weil sie mich sehr beeindruckt hat. Das tiefe Rot wirkt einfach sehr anziehend auf mich, strahlt schon eine gewisse unheimliche Stimmung aus und bei jedem Öffnen des Buches musste ich das Vorsatzpapier für eine Weile betrachten.

Nun aber mehr zum Inhalt des Buches:

Mit seinen 575 Seiten ist das Buch sehr umfangreich, was mir sehr gut gefällt, denn ich finde es toll, dicke Bücher in der Hand zu halten. Je dicker, je besser, könnte man fast sagen.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Innerhalb dieser Teile gliedert es sich wiederum in kleinere Teile sowie Kapitel und Abschnitte. Jeder der Teile wird von einem Zitat aus einem Liedtext eingeleitet.

Sehr bezeichnend ist die Widmung des Autors, die aus den zwei Wörtern „für dich“ besteht und mir aus irgendeinem Grund Gänsehaut verursacht. Vielleicht deshalb, weil ich dadurch das Gefühl habe, der Autor hätte das Buch extra und allein für mich geschrieben. Ist irgendwie etwas Besonderes!

Ergänzt und abgerundet wird das Buch durch eine Danksagung des Autors. Diese habe ich sehr erfreut gelesen, denn auch mein Name taucht in dieser Danksagung auf mit dem Zusatz „… ihr habt wie besessen gelesen…“ und in diesen wenigen Worten erkenne ich mich durchaus wieder. Natürlich bin damit nicht ich persönlich gemeint, sondern irgendeine andere Frau mit dem gleichen Namen. Aber trotzdem – ich finde das toll!

In diesem Buch gibt es drei große Handlungsstränge. Zu zwei der drei Handlungssträngen gehören mehrere Personen, während ein Handlungsstrang allein von einer einzigen Person bestimmt wird. Im Laufe des Buches begegnen sich alle Handlungsstränge nach und nach. Das Besondere und Einzigartige an diesem Buch ist, dass jedes Kapitel mit dem Namen des Charakters überschrieben ist, der im jeweiligen Kapitel die Hauptperson darstellt. Der Charakter wird jedoch nicht namentlich erwähnt oder mit „Er“ oder „Sie“ beschrieben, sondern mit „Du“, denn der Leser übernimmt die Rolle des jeweiligen Charakters.

Das Buch spielt in den Städten Berlin und Hamburg sowie in Norwegen.

Geschrieben ist es aus der Sicht eines allwissenden Erzählers in der Gegenwartsform. Allein Szenen, die in der Vergangenheit spielen, eine Erinnerung eines Charakters darstellen und nicht ausdrücklich mit einer Jahreszahl überschrieben sind, sind in der Vergangenheitsform geschrieben.

Meine Meinung zum Buch:

Wie bereits erwähnt, hat die Widmung bei mir Gänsehaut verursacht und sollte nicht der einzige Auslöser dafür bleiben. Schon nach den ersten Seiten stand für mich fest, dass dieses Buch mich gefangen hat. Gefangen in einer Welt, die düster und unheimlich ist, in der ich mich aber doch wohl fühle, weil ich den Autor an meiner Seite spüre, der mir schnell so vertraut wird, dass es mich nicht stört, von ihm mit einem persönlichen und intimen „Du“ angesprochen zu werden.

Die Idee des Autors, den Leser die verschiedensten Rollen des Buches übernehmen zu lassen, finde ich großartig. Teilweise liest sich das Buch so wie ein Drehbuch. Man fühlt sich wie in einem Gedankenexperiment, bei dem man die Identität eines anderen Menschen annimmt. Der Autor beschreibt dem Leser, welche Rolle man übernimmt und führt ihn dann durch die Handlung, sagt ihm, wie er sich zu verhalten hat und legt ihm Wörter in den Mund. Der Autor gibt Anweisungen, denen man als Leser zu folgen hat. Ich fand es einfach genial, die verschiedensten Rollen anzunehmen und jeder Charakter wurde so greifbar und real, dass ich schon allein beim Lesen der jeweiligen Kapitelüberschrift, die ja den Hauptcharakter des jeweiligen Kapitels angibt, wusste, wie ich mich im jeweiligen Kapitel zu verhalten hatte. Das Gedankenexperiment ist also geglückt, denn die Rollen sind alle vollkommen in mir aufgegangen und jeder Charakter war so detailliert und facettenreich beschrieben, dass es mir keine Mühe gemacht hat, sie zu unterscheiden. Ich habe ihr Wesen in mir gespürt und konnte ihre Gedanken und Handlungen problemlos nachvollziehen.

Dennoch verlangt das Buch Aufmerksamkeit von seinem Leser. Dies liegt vor allem daran, dass man die vielen Charaktere zunächst einmal kennenlernen muss. Es ist also wichtig, sich in die verschiedenen Rollen hineinzuversetzen und sich mit jedem neuen Kapitel darüber klar zu werden, welche Rolle man übernimmt. Dazu kommt, dass das Buch auf mehreren unterschiedlichen Zeitebenen spielt, die ebenfalls durchschaut werden müssen. Zwar umfasst das Buch einen Zeitraum von weniger als einer Woche, doch werden manche Ereignisse zeitversetzt erzählt.

Für mich war es ein großartiges Vergnügen, den drei Handlungssträngen zu folgen und nach und nach viele kleine Puzzleteile zu einem großen Bild zusammenzusetzen. Denn alle Handlungsstränge laufen irgendwann zusammen und für mich sind diese Zusammenhänge ganz großartig und genial ausgedacht. Nichts wirkt hier konstruiert, alles ist nachvollziehbar und logisch und wunderbar durchdacht. Es sind viele Kleinigkeiten, die man vielleicht als gar nicht so wichtig erachtet, die letztlich aber notwendig sind, um das Puzzle zu lösen. Zoran Drvenkar hat hier tolle Arbeit geleistet, den Leser von Zeit zu Zeit auf eine falsche Fährte gelockt und ihn verwirrt, aber letztlich ergibt alles Sinn.

Einmal angefangen, fiel es mir sehr schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Denn die Geschichte hat mich sofort gefangen genommen. Die Handlung ist durchweg fesselnd und spannend. Es gab für mich während des Lesens keinerlei Längen – im Gegenteil! Jede Seite konnte nicht schnell genug erfasst werden, jeder Absatz nicht schnell genug gelesen werden, jedes Kapitel nicht schnell genug durchblättert werden. Und am Ende bleibe ich zurück und wünsche mir noch mehr Seiten, noch mehr Absätze, nur noch ein weiteres Kapitel. Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir bin und den Sog, den das Buch auf mich ausgeübt hat, etwas abschüttele, gebe ich auch zu, dass das Ende an der richtigen Stelle kam. Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören. Auch wenn es schwer fällt. Und das tut es. Denn ich hatte in letzter Zeit selten ein solches Lesevergnügen.

Das Buch ist ein Thriller, deshalb sollte man sich auf Tote und Verletzte einstellen. Denn die gibt es in diesem Buch zuhauf. Dazu kommen Drogendelikte, Erpressungen, Folterungen. Es ist nicht immer schön, was dem Leser hier geboten wird, aber es passt in das Gesamtwerk. Und es gibt Szenen, die die düstere und unheimliche Stimmung ausgleichen. Aber dazu sage ich hier nicht mehr – lest am besten selbst!

Stilistisch ist das Buch einzigartig. Jedes Wort sitzt, kein Satz ist überflüssig. Die Besonderheit des Autors ist es, bei wörtlicher Rede keine Anführungszeichen zu verwenden, sondern Bindestriche. Aber daran gewöhnt man sich schnell und dies tut dem Lesefluss keinen Abbruch.

Toll fand ich, dass die Handlungsorte greifbar werden, indem der Autor Straßennamen oder bekannte Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Städte einfügt. So können Leser, die sich in Hamburg oder Berlin gut auskennen, die Handlung noch genauer verfolgen.

Kleine Rechtschreib- und Grammatikfehler fallen zwar auf, können meiner Begeisterung für dieses Buch aber keinen Abbruch tun.

Mein Fazit: Zoran Drvenkar, für dieses Buch danke ich DIR!

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6 Kommentare zu “Gastrezension: Du / Zoran Drvenkar

    • Ich bin mir noch unschlüssig, muss ich zugeben. Den Aufbau des ganzen Romans finde ich schon sehr interessant, so etwas habe ich definitiv noch nicht gelesen. Aber ich bin ja thrillertechnisch immer etwas zart besaitet, deswegen weiß ich nicht, ob Zoran Drvenkar dann das Richtige für mich ist.

  1. Ahhh, ich trau mich gar nicht wirklich die Rezi zu lesen. Das Buch liegt auf meinem SuB und ich will da lieber unbedarft rangehen, denn an sich habe ich schon von vielen gehört, dass es wahnsinnig gut sein soll.
    Und die 5 Kirschen am Ende habe ich ja auch gesehen 😉

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