Isola / Isabel Abedi

Titel: Isola

Autor: Isabel Abedi

Seitenzahl: 324

Woher ich es habe: selbst gekauft

„Isola“ ist  – chronologisch gesehen – das dritte Jugendbuch der Autorin Isabel Abedi. Nachdem ich bereits „Imago“, „Whisper“ und „Lucian“ gelesen hatte, war dieses das letzte, das auf meiner Leseliste noch fehlte. Und genau wie bei den anderen dreien wurde ich nicht enttäuscht. Laut ihrer Website arbeitet Frau Abedi aktuell an einem fünften Jugendroman, der im Herbst 2012 erscheinen soll und den Arbeitstitel „Crossroad“ oder „Der siebte Sommer“ trägt. Man darf also weiterhin gespannt sein.

Handlung:

Für eine TV-Sendung werden 12 Jugendliche, die sich zuvor noch nie gesehen haben, auf einer kleinen Insel vor Rio abgesetzt. Nur drei Dinge dürfen sie für ihren knapp 3-wöchigen Aufenthalt dort mitnehmen. Da es sich ursprünglich um eine Insel handelt, auf der Sträflinge untergebracht waren, ist jeder noch so kleine Winkel des Geländes von Kameras überwacht. Das Leben der Jugendlichen auf „Isola“ soll also 24 Stunden am Tag gefilmt werden, um daraus ein erfolgreiches Fernsehprojekt zu machen.

Während des Projekts legen die Jungen und Mädchen ihre wirklichen Namen ab und nennen sich fortan Elfe, Joker oder Moon. Doch auf der Insel angekommen zeigt sich schon bald, dass die Jugendlichen keinesfalls ein schöner Strandurlaub erwartet. Ein seltsames Spiel bestimmt einen unter ihnen zum „Mörder“, der die anderen nach und nach isolieren und somit aus dem Spiel nehmen soll. Nach kurzer Zeit vertraut niemand mehr dem anderen und dann geschieht auf einmal ein realer Mord, der die Gruppe erschüttert.

Meine Meinung:

„Isola“ widmet sich einem sehr aktuellen Thema: den Reality-Shows, die eine große Menge von Zuschauern magisch anzuziehen scheinen. Protagonistin des Romans ist die 17-jährige Joy; aus ihrem Blickwinkel wird die Handlung erzählt. Schon zu Beginn wird sehr deutlich, dass Joy anders ist, als die anderen Mädchen und Jungen in der Gruppe. Sie verhält sich sehr distanziert und zurückgezogen und spricht nur wenig. Im Gegensatz zu ihren Mitstreitern ist sie auch die einzige, die sich mit ihrem richtigen Namen „Vera“ auf der Insel ansprechen lässt. Denn Joy wurde als kleines Mädchen adoptiert. Ihren deutschen Eltern holten sie aus einer Favela in Rio und gaben ihr ein neues Zuhause und einen neuen Namen. Doch Joy fühlt sich nicht wie Joy, sie fühlt sich wie Vera, das Mädchen aus dem Armenviertel, das in brasilianischem Tanz so viel mehr aussagen kann, als in tausend Worten.

Im Verlauf der Handlung freundet sich Vera auf der Insel mit Elfe an und verliebt sich in den ebenso zurückhaltenden Solo, mit dem sie die Liebe zur Musik verbindet. Als schließlich das Spiel beginnt, das sich der Produzent für die Inselbewohner ausgedacht hat, gewinnt die Handlung an Fahrt. Es entwickelt sich eine gewisse Dynamik, die bei solchen Experimenten häufig zu beobachten ist: es bilden sich erste Grüppchen, Paare und Zweckgemeinschaften. Man beginnt, einander zu misstrauen und sich nachzuspionieren und tatsächlich verschwinden schon bald die ersten Jugendlichen von der Insel. Als dann eines Tages tatsächlich die Leiche eines der Jugendlichen gefunden wird und ein weiterer verschwunden bleibt, schlagen Skepsis und Mißtrauen in blanke Panik um. Ist „Isola“ wirklich nur ein Fernsehprojekt oder treibt hier jemand ein böses Spiel mit den Teilnehmern? Werden die ausgeschiedenen Kandidaten tatsächlich – wie behauptet – von der Insel weggebracht oder sind auch sie am Ende schon lange tot?

Isabel Abedi schafft es bis zum Ende, den Spannungsbogen der Handlung nicht abflachen zu lassen. Im Verlauf werden immer neue Puzzleteile des Geschehens enthüllt und neue Ungereimtheiten kommen hinzu. Auch die Figurenzeichnung trägt zu dieser Verwirrung bei. Geschickt lenkt die Autorin den Verdacht auf verschiedene Charaktere, zeichnet diese aber auch nicht stereotyp schwarz oder weiß. Einige Personen sind dem Leser zwar schnell sympathisch, andere lehnt er schon nach kurzer Zeit ab, aber der Fortgang der Handlung zwingt auch dazu, dieses Urteil immer wieder zu überdenken. Die Auflösung des Ganzen kam für mich persönlich überraschend, ich hatte mit einem anderen Ende gerechnet.

Isabel Abedi versteht es, die Handlung in einfacher, aber wirkungsvoller Sprache zu erzählen. Ihre Sätze sind einem Jugendroman angepasst, aber dabei nicht schmucklos oder plump. Vor allem Veras Gedanken über die  verschiedensten Themen sind oft geradezu poetisch. Hier ein Beispielzitat:

„[…]In diesem Moment wurde mir klar, dass man einen Menschen nicht kennen muss, um sich in ihn zu verlieben. Man muss nicht einmal mit ihm gesprochen haben. Seit diesem Augenblick weiß ich auch, dass Liebe schneller sein kann als unser Bewusstsein, das in meinem Fall nur stolpernd hinterher kam. Liebe ist etwas, auf das man keinen Einfluss hat, sondern etwas, das einen findet – ohne Grund, ohne Kommentar und ohne, dass man sich dagegen wehren kann. Vielleicht ist es mit der Liebe so wie mit der Musik, man kann sie nicht erklären, sie trifft einen wortlos – mitten ins Herz.“ (Seite 120)

Ich finde, dass der Autorin hier eine gute Mischung gelungen ist. Der Roman handelt von Freundschaft und von Liebe, greift aber auch immer aktuelle Themen wie Reality-Shows, Überwachung á la Big Brother oder die furchtbaren Zustände in den Armenvierteln Brasiliens auf. Und er ist auch die Geschichte eines jungen Mädchens, das mit Hilfe von „Isola“ zu ihren Wurzeln und zu sich selbst zurückfindet.

Fazit:

Ein wundervoller Jugendroman, der neben guter Unterhaltung mit Thriller-Elementen auch ernste Themen behandelt und Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen in seinen Bann zu ziehen vermag.

 

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2 Kommentare zu “Isola / Isabel Abedi

  1. Die Bücher von Isabel Abedi lese ich auch gerne. „Isola“ hat mir bisher am besten gefallen, aber ich habe „Lucian“ noch nicht gelesen. Das steht aber weit oben auf meiner Wunschliste.

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