Das Mädchen mit den gläsernen Füßen / Ali Shaw

Titel: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen (The girl with glass feet)

Autor: Ali Shaw

Seitenzahl: 398

Woher ich es habe: Bei Vorablesen gewonnen

„Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ ist der Debütroman des britischen Schriftstellers Ali Shaw. In diesem Monat erschien bereits sein zweiter Roman „The man who rained“ und angeblich schreibt Ali Shaw schon an Buch Nr. 3.

Handlung:

Midas Crook ist ein Außenseiter. Anstatt sich mit Freunden zu treffen, zieht es ihn hinaus in die Einsamkeit der Natur. Seine Eindrücke hält er in Fotos fest. Die Bilder helfen ihm, sich auszudrücken, denn Midas ist kein Mann vieler Worte. Zu seiner Mutter hat er kaum noch Kontakt, sein Vater, obwohl allgegenwärtig, ist bereits seit vielen Jahren tot. Besuch bekommt Midas nur selten von seinem Freund Gustav, in dessen Blumenladen er arbeitet und seiner kleinen Tochter Denver. Doch eines Tages lernt Midas beim Fotografieren ein seltsames junges Mädchen kennen. Ida ist ganz anders als er, so voller Leben und voller Worte. Nach und nach entwickelt sich erst eine Freundschaft zwischen den beiden, dann mehr. Doch viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn Idas Körper verwandelt sich von den Füßen an nach und nach in Glas.

Meine Meinung:

Zuerst muss ich eines loswerden: Das Buch ist für mich ein Gesamtkunstwerk, sowohl was die Form als auch was den Inhalt betrifft. Glücklicherweise hat script5 bei diesem Roman das wunderschöne Originalcover beibehalten mit seinen zarten Farben und der winterlichen Gestaltung. Der Schnitt ist, passend zum Leitmotiv des Romans, silbern – so silbern wie das Glas, das an Idas Füßen zu wachsen beginnt. Auch die Titelanfänge sind wunderschön verziert und nehmen das Rankenmuster auf dem Cover wieder auf. Hut ab, hier hat sich der Verlag mit dem Layout des Romans selbst übertroffen – die Zielgruppe der „jungen Erwachsenen“ wird hier sicher optimal angesprochen.

Die Geschichte, die dieses Buch erzählt, ist mindestens ebenso zart und zerbrechlich wie das Cover. Im Verlauf der Handlung erfährt der Leser immer mehr über die wichtigsten Protagonisten des Buches. Man liest von Midas Mutter, die den Bezug zur Realität verloren zu haben scheint, von seinem lieblosen Vater, der sich das Leben genommen hat. Von unerfüllter Liebe ist die Rede, sei es nun die zwischen Evaline und Henry oder zwischen Carl und Idas Mutter. Auch der Tod ist ein wichtiges Thema, jeder der Charaktere hat bereits einen Menschen verloren, den er liebt. Vor allem in Midas Fall wird nur allzu deutlich, wie sehr ihn dieser Verlust geprägt hat. Außer der unerschüttlichen Freundschaft zu Gustav hat er keinerlei soziale Kontakte – bis er Ida kennenlernt.

Ida ist ein sehr starker Charakter und sicher mit Absicht als absolutes Gegenbild zu Midas entworfen. Sie hat in ihrem Leben schon vieles ausprobiert, eine Vielzahl von Beziehungen geführt und die Welt bereist. Vielleicht ist aber auch gerade diese Sprunghaftigkeit der Grund dafür, dass sie sich so zu dem ruhigen Midas hingezogen fühlt. Ihr Schicksal, sich nach und nach in Glas zu verwandeln, trägt sie mit fast schon zu stoischer Ruhe – hier habe ich mich oft gefragt, ob ein so junges Mädchen wie Ida tatsächlich so sachlich mit dieser Veränderung umgehen könnte.

Auf der Suche nach dem Ursprung des Glases treffen Midas und Ida auf den Einsiedler Henry Fuwa, der zurückgezogen im Sumpf lebt und in seinem Schuppen kleine, fremdartige geflügelte Wesen aufzieht. Und diese Wesen sind nicht die einzigen Seltsamkeiten, die auf St Hauda’s Island vorgehen. Von gläsernen Menschen auf dem Grund eines Sees ist die Rede und von einem Tier, das mit seinem Blick alles um sich herum in strahlendes Weiß verwandeln kann. Außer diesen wenigen beinahe märchenhaften Elementen hat die Geschichte nur wenige Spannungsmomente zu bieten, sie wird hauptsächlich in Bildern erzählt.

Und genau das ist der Roman auch für mich: ein großes, zusammenhängendes Kunstwerk, in zarten Farben gemalt, ohne einen großen Blickfang, ohne Farbtupfer. Es sind eher die kleinen, die leisen Dinge in dieser Geschichte, die den Roman so lesenswert machen. Momente wie der, als die kleine Denver, deren Mutter ertrunken ist, Midas von ihren Ängsten erzählt. Der Angst, in einer Pfütze zu ertrinken und der Angst, sich dem zu stellen, was ganz tief in den Schubladen ihres Kopfes verborgen ist. Solche Augenblicke sind es, die den Roman zu etwas ganz besonderem machen, denn eigentlich formuliert das kleine Mädchen nur das, was die Erwachsenen um sie herum empfinden.

Der Schluss des Romans kam für mich nicht überraschend und ich finde auch, dass er sich so am besten in die Handlung einfügt. Der ein oder andere mag sich vielleicht beschweren, dass vieles unaufgelöst bleibt, aber für mich ist die Geschichte so in sich stimmig. Ich habe mit Ida gebangt, mit Midas geweint und mit Denver gekichert, habe Carls unerfüllte Liebe ebenso gespürt wie Gustavs Verlust. Und dafür bin ich Ali Shaw dankbar. Sein „Mädchen mit den gläsernen Füßen“ hat für mich eine Botschaft, nämlich diejenige, jeden Moment zu genießen und zu nutzen und nicht aus Angst heraus das Leben an sich zu verpassen.

Fazit:

Eine wunderschöne Geschichte über ein Mädchen, das sich in Glas verwandelt und mit ihrer Liebe einen Außenseiter aus seinem gläsernen Gefängnis befreit.

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Ein Kommentar zu “Das Mädchen mit den gläsernen Füßen / Ali Shaw

  1. Pingback: [Rezension] Ali Shaw – The Girl with Glass Feet » Steflite

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